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Deutsche Firmen im internationalen Vergleich zu unbeweglich

Mentalität der Amerikaner begünstigt globale Vormachtstellung: „Big thinking" in den USA, „Bedenkenträger" in Deutschland


22.04.2015

US-amerikanische Firmen dominieren das Ranking der wertvollsten Unternehmen weltweit: Apple, Google, Coca-Cola, IBM, Microsoft, General Electric führen die Liste an, gefolgt von Samsung (Südkorea), Toyota (Japan), McDonald's (USA) und Mercedes-Benz (Deutschland). Auffällig - und aus deutscher wirtschaftspolitischer Sicht durchaus beängstigend - ist dabei: Vor allem Apple und Google bauen ihre globale Vormachtstellung mit 21 und 15 Prozent Zuwachs gegenüber dem Vorjahr und damit den Abstand zu den Wettbewerbern national und international immer weiter aus.


Professor Jerome Engel von der University of California in Berkeley hat untersucht, warum amerikanische Firmen rund um den Globus so erfolgreich sind. Der Innovationsexperte hat auch eine klare Antwort darauf gefunden, warum sich mit Mercedes-Benz nur ein deutsches Unternehmen im Top-Ten-Ranking findet. Ein globaler Siegeszug von deutschen Unternehmen wird vor allem erschwert durch Ignoranz in den Unternehmen, eine nicht vorhandene Entrepreneurs-Kultur und Mentalitätsnachteilen gegenüber den Amerikanern, stellt Engel fest. Und die Mentalitätsunterschiede sind sogar noch größer als bislang von Experten angenommen.


Amerikanische Firmen ziehen aus erfolgreichen Start Ups demnach Inspiration für das eigene Unternehmen, um noch wettbewerbsfähiger zu werden. Deutsche Firmen dagegen betrachten neue Wettbewerber vor allem als Bedrohung für das eigene Geschäftsmodell. In den USA ist die Entrepreneurs-Kultur viel ausgeprägter als in der Bundesrepublik; und für Firmenneugründungen ist deutlich leichter, Kapital zu erhalten. Zudem ist die Infrastruktur besser und es gibt weniger gesetzliche Reglementierungen im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Und das ist es in den Köpfen vieler Amerikaner wirklich, stellt Engel fest: Unbegrenzt. Deshalb gibt es auf der einen Seite des Atlantiks „big thinking", auf der anderen Seite „Bedenkenträger".


Eine der bedeutenden Folgen dieses Mentalitätsunterschieds: Während es in den USA kein Makel ist, mit einer Idee zu scheitern, solange man daraus neue Erkenntnisse zieht, ist ein Misserfolg hierzulande eine Katastrophe, die für die Verantwortlichen meistens einen Karriereknick mit sich bringen. Logische Konsequenz laut Engel: Die Angst vor einem möglichen Misserfolg hemmt oder verhindert sogar Innovationen. Die Firmen hierzulande treten deshalb eher auf der Stelle und verlieren gegenüber amerikanischen Unternehmen weiter an Boden. Für Professor Engel ist die zunehmende globale Dominanz von Apple und Google deshalb eine logische Konsequenz, die unter dem Namen „agiles Business Development" immer weiter vorangetrieben wird.


Das ist aus wirtschaftspolitischer deutscher Sicht die schlechte Nachricht. Die gute: „agiles Business Development" lässt sich lernen. Engel zufolge sind gerade deutsche Firmen prädestiniert dafür, diese Methode schnell zu lernen und gut umzusetzen, weil es klare, verständliche Regeln und Anweisungen gibt - und die Firmenkultur in Deutschland ein gutes Biotop für Regeln und Anweisungen ist.


Und das sind die Lerntipps des Berkeley-Professors für deutsche Unternehmen und Unternehmer:


1.Baue im eigenen Unternehmen und Umfeld Entrepreneure auf.

2. Betrachte Forschung und Entwicklung als offene Innovation - sprich: Das Ergebnis darf nicht am Anfang stehen.

3. Vereine die schnelle Entwicklungsgeschwindigkeit der Start-Ups mit der großen Durchschlagskraft eines reifen, großen Unternehmens.

4. Sehe Neu- und Weiterentwicklungen von Produkten und Dienstleistungen als experimentelle Prozesse.

5. Innovationen gedeihen am besten in schlanken Strukturen. Wenn man ihnen Konzernstrukturen überstülpt, werden sie erstickt.

6. Umdenken von Lean. Lean bedeutet im Innovationsumfeld nicht Effizienz, sondern effizient experimentieren. So erhält man schon vor der Investition von Zeit und Geld die wichtigsten Erkenntnisse.

7. Konzerne sollten Innovationen als Experimentierfeld sehen und keine garantierten Ergebnisse erwarten.
8. Beobachte, was die Top-Unternehmen in den USA machen. Sie sind oft Vorreiter und First Mover, man kann jedoch aus deren Fehlern lernen und selbst die ersten Schritte besser machen und an den Gesamtprozess „Innovationen in Konzernen" anpassen.


Firmen, die „agiles Business Development" im Unternehmen einführen und im Alltag leben, werden sich - da ist sich Engel sicher - bestens gerüstet sein für einen immer intensiveren Wettbewerb rund um den Globus. Dass Apple und Google das Ranking auch noch in zehn Jahren anführen werden, dafür gibt es kein Gesetz. Vorne steht, wer agil wird und es bleibt.


Ein Paradebeispiel für „agiles Business Development" ist Netflix. Das Unternehmen hat zuerst DVDs per Post an Abonnenten verschickt. Inzwischen ist Netflix der weltweit führende Videostreaming-Anbieter. Geschafft hat das Netflix-Gründer Reed Hastings mit ungewöhnlichen Ideen, Maßnahmen und Leitlinien, die agiler und disruptiver nicht sein könnten. Die können übrigens alle Firmen unter http://de.slideshare.net/reed2001/culture-1798664 nachlesen, denn Hastings macht aus seinen Leitlinien kein Geheimnis. Er ist überzeugt davon, dass er mit seiner flexiblen Unternehmensstruktur und „agilem Business Development" weiter erfolgreich sein wird. Bei dem Wachstum von Netflix könnte das Unternehmen bald in der Liste der zehn wertvollsten Unternehmen weltweit auftauchen.